Wie gefährlich ist die Box aus Zug?

Ein israelischer Unternehmer verkauft über seine Schweizer Firma Polus ein Gerät nach Indonesien, das Handys lokalisieren und identifizieren kann – angeblich für den Katastrophenschutz. Doch Recherchen lassen an dieser Darstellung zweifeln.

Teil 1: Wie gefährlich ist die Box aus Zug?

Ein Unternehmen aus Zug exportiert Überwachungstechnologie nach Indonesien. Für Katastrophenmanagement, wie der Gründer auf Nachfrage betont. Doch stimmt das wirklich? Ein Blick in Unternehmensdaten lassen Zweifel aufkommen.

Der Name der Box erinnert stark an die Überwachungsbranche. Zudem liefert das Unternehmen Polus auch Rucksäcke mit. Damit kann ihre Box unauffällig für mobile Einsätze verwendet werden. Und die Endabnehmer sind mutmasslich indonesische Polizeieinheiten. Niv Karmi, der Gründer von Polus, bestreitet das nicht. Doch er macht regulatorische Hürden geltend: Diese erlaubten es nicht, an andere Abnehmer als Polizeien zu liefern. Und er erklärt ausführlich, zu welchen Zwecken er die Box konzipiert haben will.

Karmi ist israelischer Unternehmer, der heute in Zug geschäftet. Früher gründete er die skandalumwitterte Spionagefirma NSO mit, verliess diese aber bereits nach wenigen Jahren. Heute distanziert er sich öffentlich von der Spionagebranche. Und kommt trotzdem nicht ohne sie aus: Dokumente die dem WAV Recherchekollektiv und den Recherchepartnern vorliegen, beweisen, dass Polus noch im Jahr 2021 eine Zahlung von 318’000 Euro erhielt. Intellexa ist ein Unternehmenskonsortium, welches Spionagetechnologie verkauft. Die Zusammenarbeit sei ebenfals im Zusammenhang mit Katastrophenmanagement gestanden, so Karmi. Auch nach ausführlichen Gesprächen bleibt ein widersprüchliches Bild. Karmi steck im Dual-Use-Dilemma: Seine Produkte können sowohl für Katastrophenmanagement als auch für Überwachungszwecke verwendet werden. Bei Exporten nach Indonesien sei gerade wegen letzterer Verwendung Vorsicht geboten, sagen Experten im Gespräch.

Eine gemeinsame Recherche der israelischen Zeitung Haaretz, dem indonesischen Wochenmagazin Tempo und dem griechischen Investigativportal Inside Story.

Teil 2: Indonesien, ein Ökosystem der Überwachung

In gemeinsamen Recherchen haben das Amnesty International Security Lab, die israelische Zeitung Haaretz, das indonesische Wochenmagazin Tempo, das griechische Investigativportal Inside Story, das WAV Recherchekollektiv und WOZ Die Wochenzeitung den Import invasiver Spionagesysteme nach Indonesien untersucht. In einem ausführlichen Bericht liefert das Amnesty International Security Lab unter anderem starke Hinweise darauf, dass Oppositionellen und Unabhängigkeitsaktivist:innen aus Westpapua mit dem Predator-Trojaner der Spionagefirma Intellexa angegriffen wurden. Die untersuchten Systeme von bekannten privaten Herstellern wie Wintego, Finfisher, Candiru, Intellexa oder NSO sind deutlich invasiver als die Nemesis-Box von Polus. Dass diese besonders invasiven Spionagesysteme nach Indonesien geliefert werden, wo die Zivilgesellschaft zunehmend unter Druck ist, ist besorgniserregend, findet Amnesty, und fordert ein Moratorium des Handels mit Produkten dieser Art.

Weiterlesen:

Den Artikel zu Polus und die Infobox zu den Importen von Spionagetechnologie nach Indonesien von WAV-Journalisten Reto Naegeli und Lorenz Naegeli in voller Länge zu lesen bei der WOZ Die Wochenzeitung

Den Bericht vom Amnesty International Security Lab zum Export von Spionagesystemen nach Indonesien

Die ausführliche Recherche der israelischen Zeitung Haaretz zur bilateralen und globalen Dimension der Geschäfte zwischen Israel und Indonesien, inklusive dem Fokus auf einige Firmen mit israelischen Wurzeln